Naturkork – der einzig wahre Weinflaschenverschluss?

Ob Naturkorken, Drehverschluss oder Glaszapfen – beim Weinflaschenverschluss scheiden sich die Geister. Während der Naturkorken für viele der einzige wahre Klassiker bleibt, setzen immer mehr Winzer auf moderne Alternativen. Doch welcher Weinflaschenverschluss ist wirklich der beste, und wie stark beeinflusst er den Geschmack des Weins?

‹Der hat Zapfen›, heisst es, wenn der Wein mal wieder nach modrigem Keller, nasser Pappe oder Ähnlichem riecht. Ärgerlich für die Konsumenten, aber auch für die Weinproduzenten, die längst reagiert haben: Die Mehrheit aller in der Schweiz abgefüllten Flaschen haben heute alternative Weinflaschenverschlüsse, denn der Naturkorken gilt als Hauptschuldiger für die Fehltöne – und ist auch sonst nicht unproblematisch. Doch wie gut schlagen sich die Alternativen im Vergleich zum Original?

Die Eigenschaften des Naturkorks

Nicht umsonst etablierte sich der Naturkorken als Weinflaschenverschluss über Jahrhunderte hinweg als Nummer 1: er garantiert ein hohes Mass an Abdichtung, kann mit Hilfe eines einfachen Werkzeuges relativ leicht entfernt und dank seiner Elastizität auch bis zu einem gewissen Grad in die Flasche zurückgeführt werden. Darüber hinaus wird er aus einem nachwachsenden Rohstoff, der Rinde der Korkeiche, gewonnen und kann relativ günstig produziert werden. Ein Naturkorken beschert uns ausserdem die Grundlage für die anregende Zeremonie des Korkenziehens, die zwar keinen zusätzlichen Genuss bringt, aber für eine gewisse Feierlichkeit sorgt.

Erst viel später, als erste Erfahrungen mit alternativen, gänzlich hermetischen Flaschenverschlüssen für Wein gesammelt wurden, fand man heraus, dass natürliche Korken auch die Entwicklung des Weines in der Flasche beeinflussen: Zwar sind sie augenscheinlich dicht und halten den Wein in der Flasche, sind aber in geringstem Umfang sauerstoffdurchlässig. Der Reifeprozess hochwertiger Weine wird dadurch entscheidend beeinflusst. Im Fachjargon bezeichnet man den Wert Sauerstoffdurchlässigkeit eines Flaschenverschlusses als OTR (Oxygen Transmission Rate).

Doch der Naturkork hat auch Nachteile: Er kann mit Trichloranisol (TCA) behaftet sein, das den berühmten, unangenehmen Korkgeschmack hervorruft. Darüber hinaus kann sich ein Korken im Zuge unsachgemässer Lagerung verhärten und undicht werden. Selbst bei optimaler Lagerung können mit der Zeit unentdeckte Schäden an einem vermeintlich einwandfreien Zapfen auftreten und die Dichtigkeit beeinträchtigen. Starke Unterschiede von Flasche zu Flasche können die Folge sein. Pessimistische Expertinnen und Experten schätzen, dass nach einer Reifezeit von 20 Jahren rund 25 Prozent der Flaschen eines Premiumweines durch den Naturkorkverschluss – oder auf eine andere Art – beeinträchtigt sind.

Drehverschlüsse – die hart umkämpfte Revolution

Aus pragmatischer Sicht liegt die Lösung auf der Hand: Ein Drehverschluss. Dieser erleichtert nicht nur das Öffnen, sondern auch das dichte Wiederverschliessen einer Weinflasche. Darüber hinaus gibt es keine Materialunterschiede von Verschluss zu Verschluss und der Korkton kann nicht übertragen werden. 

Dem entgegen stand sehr lange der zeremonielle Verlust beim Öffnen der Flasche, sowie die vielerorts verankerte Vorstellung, der Drehverschluss sei minderwertig. Wie die Forschung zum Thema zeigt: Traditionelle Drehverschlüsse hatten anfangs einen OTR von nahezu null – sie waren völlig luftdicht. Das kann zwar ein Vorteil sein, wenn der Wein jung getrunken wird, hemmt aber die Reifung lagerfähiger Weine. Heute sind diese Probleme weitgehend gelöst.

Moderne Drehverschlüsse gibt es inzwischen mit individuell anpassbarer Sauerstoffdurchlässigkeit. So kann der Winzer den Weinflaschenverschluss gezielt auf seinen Wein abstimmen. Auch Konsumenten akzeptieren den Drehverschluss zunehmend – viele Premiumweine werden heute ganz selbstverständlich damit verschlossen. Doch ganz erloschen ist die Liebe zur Zeremonie des Zapfenziehens noch nicht. In den vergangenen Jahren haben Produkte den Markt erobert, die die positiven Eigenschaften des Naturkorks erhalten, seine Nachteile jedoch aussen vorlassen und damit die völlige Übernahme des Drehverschlusses in der Weinwelt verhinderten.

Kronkorken und Glaszapfen als Weinflaschenverschluss

Diese Verschlussarten sollen nicht unerwähnt bleiben, auch wenn beide eher ein Nischendasein fristen.
Der Kronkorken ist leicht zu öffnen und bietet konstante Qualität. Auch hier könnte man mit technischen Anpassungen die OTR steuern. Die stark beschränkte Möglichkeit des Wiederverschliessens ist jedoch ein Nachteil. Dazu wird der Kronkorken – noch mehr als der Drehverschluss –  als Wein-unwürdig erachtet, was sich wohl auch in absehbarer Zeit nicht ändert. Einzig im Bereich der unfiltrierten Schaumweine wird er von Kennern akzeptiert und kommt darüber hinaus fast nur bei einfachen Massenweinen zum Einsatz.  

Der Glaszapfen ist eine edle und nicht unpopuläre Erscheinung unter den Flaschenverschlüssen. Er kann völlig ohne Werkzeug mit einer entschlossenen Handbewegung entfernt werden. Darüber hinaus ist er wiederverwertbar und in den Küchenschubladen von Weinfreunden ein omnipräsentes Accessoire. Für die nötige Dichtigkeit sorgt ein Silikonring, der für Experten aber auch die Achillesferse des Glaszapfens darstellt. Der Dichtungsring kann mit der Zeit erhärten, damit undicht werden und ist infolge ungeeignet für eine langfristige Flaschenreife. Ausserdem sind Glaszapfen verhältnismässig teuer.

Kunststoff- und Komposit-Zapfen

Auf der Suche nach alternativen Weinflaschenverschlüssen, die das Ritual des Zapfenziehens aufrechterhalten, stiess man schon früh auf zwei Lösungsansätze: Kunststoffzapfen und Kompositkorken.

Silikonbasierte Kunststoffzapfen geben garantiert keinen Korkgeschmack ab und sind günstig. Frühere Modelle litten allerdings – ähnlich wie die Dichtungsringe der Glaszapfen – unter Haltbarkeitsproblemen und konnten darüber hinaus im Laufe der Zeit aromatisch unangenehme Stoffe an den Wein abgeben. Daher wurden sie zunächst nur für einfache, jung zu trinkende Weine ohne Lagerpotenzial verwendet.

Das Trichloranisol, das im Naturkork Fehltöne verursacht, kann grundsätzlich bekämpft werden. Jedoch beeinträchtigt dies oft die strukturelle Integrität des Zapfens. Hingegen lässt sich Kork-Granulat behandeln und anschliessend mit Hilfe von Klebstoffen wieder zusammensetzen. Doch auch die so erzeugten Kunstkorken hatten zunächst eine eingeschränkte Reichweite, denn die verwendeten Klebstoffe konnten sich mit der Zeit aus dem Zapfen lösen und den Wein beeinträchtigen. Also waren auch sie vorläufig nur jung zu trinkenden Weinen vorbehalten. 

Doch das Rad der Forschung steht nicht still: Inzwischen wurden Verfahren entwickelt, mit denen behandeltes Korkgranulat zu einem Zapfen ‹gebacken› werden kann, ohne dass dieser den Wein in irgendeiner Form durch chemische Rückstände oder im Aroma beeinträchtigt. Darüber hinaus werden diese Kompositkorken in unterschiedlichen Grössen mit unterschiedlicher Dichte und damit variierender OTR erzeugt. Winzer können somit auf massgeschneiderte Produkte für ihre Weine zurückgreifen. Die Qualität ist von Einheit zu Einheit identisch und auch der unbeliebte Korkton wird durch diesen Verschluss nicht übertragen. Also augenscheinlich die perfekte Lösung – sobald das negative Restimage der ersten Generation geleimter Korken zerstreut ist. Skeptiker bemängeln lediglich das bisherige Fehlen von Langzeitstudien mit Weinen, die sich über Jahrzehnte hinweg unter einem solchen Zapfen entwickelt haben. Doch lange müssen wir auf diese Erkenntnisse nicht mehr warten.

Auch im Bereich der Kunststoffzapfen hat sich vieles getan: in Sachen Stabilität der verwendeten Materialien und sogar hinsichtlich der OTR, die heute ebenfalls bei Kunststoffen berücksichtigt werden kann. Es ist jedoch zweifelhaft, ob sich diese Produkte – obwohl hochwertig – gegen die Erzeugnisse aus echtem Korkmaterial behaupten können. Das Original ist und bleibt eben immer noch der Favorit vieler Weinliebhaberinnen und Weinliebhaber.

FAQ

Was ist der beste Weinflaschenverschluss?

Den pauschal ‹besten Verschluss› gibt es nicht. Entscheidend ist,  dass der Verschluss den Wein nicht negativ beeinflusst. Mit Hilfe seiner Dichte und der damit verbundenen Sauerstoffdurchlässigkeit sollte er den erzeugten Weinstil so gut wie möglich unterstützen. Aus pragmatischer Sicht würde ein Drehverschluss all diese Kriterien perfekt erfüllen. Doch auch andere Faktoren, wie zum Beispiel den Wunsch vieler Konsumenten nach einem ziehbaren Zapfen, sollten nicht aussen vorgelassen werden.

Warum haben nicht alle Weinflaschen einen Drehverschluss?

Aus praktischer Sicht würde rein gar nichts gegen den Drehverschluss für alle Weinflaschen sprechen, da es heute massgeschneiderte Varianten für jeden Weinstil gibt und er auch keinerlei objektiv greifbare Probleme hervorruft. Allerdings besteht bei vielen Konsumenten nach wie vor der Wunsch, die Zeremonie des Zapfenziehens aufrecht zu halten.

Was sind die Nachteile eines Naturkorkens?

Naturkork kann mit Trichloranisol (TCA) behaftet sein, das den berühmten, unangenehmen Korkgeschmack hervorruft. Darüber hinaus kann sich ein Korken im Zuge unsachgemässer Lagerung verhärten und undicht werden. Auch bei optimaler Lagerung kann er mit der Zeit undicht werden. Starke Unterschiede von Flasche zu Flasche können die Folge sein.

Wie kann ich eine Weinflasche wiederverschliessen?

Am besten mit einem Drehverschluss, denn er kann problemlos und absolut dicht erneut angebracht werden. Es ist im Anschluss auch unbedenklich, eine wiederverschlossene Flasche zu legen. Anders bei Flaschen, die mit einem Korken verschlossen wurden. Selbst wenn der Korken mit Kraft wieder gänzlich in die Flasche zurückgedrückt wird, kann er trotzdem Beschädigungen aufweisen und die Flasche sollte daher nicht mehr liegend aufbewahrt werden. Auch wiederverwendbare Flaschenverschlüsse wie zum Beispiel ein Glaszapfen bieten in der Regel keine vollständige Abdichtung mehr und man sollte die geöffnete Flasche lieber stehend aufbewahren.

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