Rebsorten im Profil: Pinot Noir – Herkunft, Charakter und Bedeutung

Pinot Noir zählt zu den meistangebauten Rebsorten der Welt und ist doch ein Sonderfall. Die komplexe Persönlichkeit, das Terroir-Potenzial und die empfindliche Natur machen Pinot Noir zu einer charakterstarken Sorte – mit Vor- und Nachteilen.

Pinot Noir zählt zu den zehn am meisten angebauten Rebsorten weltweit Im Gegensatz zu Cabernet Sauvignon, Merlot, Chardonnay & Co basiert seine weite Verbreitung jedoch nicht auf der Erzeugung billiger Massenweine – diese sind mit der komplizierten Sorte nur schwer umsetzbar. Es ist vor allem seine erweiterte Eignung als Schaumweinsorte, welche ihm zusätzlich riesige Flächen verschafft.

In roter Form gilt Pinot oft als Diva und spaltet die Gemüter: Einerseits bringt er die teuersten Rotweine der Welt hervor und wer Pinot Noir trinkt, gilt als vermeintlicher Experte. Andererseits fragen sich viele, was an diesen «dünnen und sauren» Weinen denn so besonders sein soll. Bei kaum einer anderen Sorte schwingt das Ideologische derart beim Weinkonsum mit – was nicht selten die eigentliche Trinkfreude stark beeinträchtigen kann.

Charakter und Stilistik

Pinot Noir ist eine frühreife Sorte mit dünnhäutigen Beeren, die wenig Farbe und Tannin liefern. Daraus entstehen Weine mit blasser bis mittlerer Farbtiefe, die sich am Gaumen nur leicht pelzig zeigen. Die Sorte hat eine recht hohe Säure und ein Aromenspektrum, welches vor allem rote Beeren (Johannisbeere, Erdbeere) und florale Noten (Veilchen) umfasst, oft aber auch mineralische Akzente aufweist, die an nasse Steine erinnern. Im Alter können sich bei hochwertigen Vertretern Aromen von getrockneten Beeren, Tabakblättern und Waldboden entwickeln.

Pinot-Fans schätzen blasse, schlanke Rotweine mit ausgeprägten Beerenaromen – die Kombination aus Fragilität und hoher Intensität. Holzaromen werden daher bei keinem anderen Wein so argwöhnisch beobachtet: Während Puristen einen deutlichen Einfluss von Eiche als störend für das filigrane Gerüst des Pinots empfinden, sind andere davon begeistert, wie klar die Röstaromen eines Fasses in diesem Wein resonieren können. Es existieren also auch unter Liebhabern gespaltene Lager, was nicht selten zu hitzigen Diskussionen führt.

Anbaubedingungen und Herausforderungen

Als frühreife Sorte benötigt Pinot Noir ein kühles bis gemässigtes Klima, um möglichst langsam auszureifen, dabei seine vollen Aromen zu entfalten, jedoch nicht seine Säure zu verlieren. Im warmen Klima reift die Rebsorte zu schnell aus, was zu hohem Alkoholgehalt oder aromatisch unterentwickelten Weinen führt.

Kühle Regionen sind oft die Randzonen des Weinbaus und wechselhafte Bedingungen führen zu hoher Unbeständigkeit. Pinot Noir ist hiervon sehr stark betroffen, da die Sorte überaus empfindlich ist. Die Trauben sind eng gepackt, wodurch es schwerfällt, einzelne Beeren unverletzt mit den Fingern abzuzupfen – zumal die Häute ja auch sehr dünn sind. Das Aufplatzen einzelner Beeren oder auch Niederschläge kurz vor der Ernte wirken sich besonders heikel aus, denn die kompakten Früchte trocknen nur sehr langsam ab und Fäulnis ist ein grosses Risiko.

Die Folge sind hohe Ertragsverluste durch strenge Selektion und schwache Jahrgänge durch verfrühte Ernten. Zwischen Winzer und Natur muss sehr viel zusammenkommen, um hervorragende Weine zu erzeugen. Auf dieser Basis lohnt sich Pinot Noir zur Erzeugung billiger Massenweine kaum. Auch die Standortfaktoren spielen für Pinot Noir eine grosse Rolle: Hangneigung, Bodenstruktur, Höhenlage und Mikroklima prägen das Endresultat Wein stark. Man spricht daher beim Pinot Noir von einer Terroirsorte. Die Sorte ist arbeitsintensiv. Das erklärt bereits teilweise, weshalb uns die Weine im Vergleich zu anderen Sorten oft als hochpreisig erscheinen.

Frankreich: Die Heimat der Legende

Frankreich ist das wichtigste Pinot-Noir-Land weltweit, denn die Sorte ist hier heimisch. Auf Basis von Pinot Noir bringt das Burgund die teuersten Rotweine der Welt hervor. Was viele nicht wissen: In Frankreich wird aus Pinot Noir mehr Schaumwein als Rotwein erzeugt. In der Champagne ist Pinot häufiger verbreitet als in seiner burgundischen Heimat.

Im Burgund, vor allem an der Côte d’Or, reicht die Geschichte des Pinot Noir bis ins frühe 12. Jahrhundert zurück. Über zig Generationen hinweg wurde seither in der Region eine feine Abstufung der besten Lagen geschaffen – mit der klassischen Einteilung in Grand Cru, Premier Cru, Village und Regional.

Die ikonischen Grand-Cru-Lagen wie Romanée-Conti oder Musigny geniessen Kultstatus, repräsentieren jedoch nur einen kleinen Teil der Produktion. Angesichts der globalen Nachfrage führt dies zu astronomischen Preisentwicklungen. Das weltweite Interesse des Pinot Noir basiert stark auf diesem Erbe. Gleichzeitig gibt es auch im Burgund erschwingliche Rotweine, die mit Sorgfalt und Tradition überzeugen. Man muss nur wissen, wo man abseits des Rampenlichts zu suchen hat.

Der Einfluss des Weinbergs und der Charakter der Traube haben im Burgund höchste Priorität. Traditionell ist es das höchste Ziel des Winzers, den Standort der Rebe und sortentypische Aromen möglichst klar im Wein resonieren zu lassen. Wenn von «typisch burgundisch» die Rede ist, meint der Kenner damit eine ursprüngliche, unverfälschte Pinot-Noir-Charakteristik – was als wohlwollendes Prädikat durchaus auch auf Weine aus anderen Regionen angebracht werden kann.

Pinot Noir in den USA: Der Sideways-Effekt

Die USA sind nach Frankreich das zweitgrösste Pinot-Noir-Land. Manche Regionen, wie etwa das Willamette Valley in Oregon, werden gar mit dem Burgund verglichen, was unter Pinot-Freunden als grosses Kompliment gilt. Seit den frühen 1970er Jahren haben sich hier Burgunderwinzer in Form von Joint Ventures oder Zweitweingütern niedergelassen, was ein grosses Know-how im Umgang mit der Sorte in die Region brachte. Auch in kühlen Küstenzonen Kaliforniens wie zum Beispiel dem Santa Maria Valley wird Pinot Noir auf hohem Niveau vinifiziert. Bis vor gut 20 Jahren beschränkte sich der anbau von US-Pinot weitgehend auf diese “burgundischen” Standorte.

Einen Wendepunkt stellte dann der Film «Sideways» (2005) dar. Hauptfigur Miles schwärmt leidenschaftlich für Pinot Noir und zerreisst den Merlot – mit weitreichenden Folgen: Der Konsum von Merlot erlitt empfindliche Einbussen, Pinot Noir wurde zum Symbol vermeintlicher weinfachlicher Kompetenz. Seither werden aufgrund der explosionsartig angestiegenen Nachfrage auch in wärmeren Regionen Kaliforniens Pinot-Weine erzeugt – meist mit viel Alkohol, kräftiger Frucht und deutlicher Eichennote. Nicht «typisch burgundisch», aber durchaus hochwertig. Dieses Phänomen hat indes unter der trefflichen Bezeichnung «Sideways-Effect» seinen Platz in Fachliteratur und Weinbaugeschichte eingenommen.

Deutschland: Im Wandel zur Rotweinnation

Mit dem drittgrössten Pinot-Anbau weltweit profitiert Deutschland stark vom Klimawandel. Zwar sind die klimatischen Bedingungen ideal, und es besteht kein Mangel an mineralischen Bodenformationen, doch fehlt es mancherorts noch an einem gefestigten Umgang mit der Sorte. Denn anders als das Burgund, verfügt Deutschland nicht über jahrhundertelange, ungebrochene Tradition mit dem filigranen Rotwein.

Die Geschichte des deutschen Weinbaus ist im Vergleich zu Frankreich immer wieder von markanten Krisen und radikalen Neustarts geprägt. So galt beispielsweise das Barrique-Fass – historisch-integraler Bestandteil der französischen Weinerzeugung – über weite Teile des 20. Jahrhunderts hinweg in Deutschland als verpönt. Fruchtbetonte Weissweine waren das Mass der Dinge und eine wahrnehmbare Holznote wurde gar als Weinfehler ausgelegt.

Erst um die Jahrtausendwende kehrte das Barrique flächendeckend nach Deutschland zurück. Der Umgang mit dem Fass musste in vielen Regionen wieder völlig neu gelernt werden. In den frühen 2000er Jahren war insbesondere beim Pinot Noir eine hohe Dichte an völlig überholzten Weinen zu beobachten, die sich allerdings auch grosser Beliebtheit erfreuten. Sowohl auf Erzeugerseite, wie auch unter Weinfreunden haben sich daher beim deutschen Pinot die Lager der Traditionalisten und der Modernisten gebildet. Einen “typisch deutschen” Pinot-Stil gibt es (noch) nicht. Alles in allem werden stetig wachsende Erfahrungen im Umgang mit der Sorte und auch die Klimaerwärmung dem Pinot Noir in Deutschland eine glanzvolle Zukunft ermöglichen.

Die Schweiz: Eine kleine Pinot-Noir-Grossmacht

Die Schweiz zählt zu den zehn wichtigsten Pinot-Nationen – obwohl sie ein vergleichsweise kleines Weinland ist. Pinot Noir ist hierzulande die meistangebaute Sorte. Aus gutem Grund. Ideales Klima, abwechslungsreiche Böden und eine oft über viele Generationen ungebrochene Tradition bescheren der Sorte beste Voraussetzungen.

Insbesondere Graubünden hat sich im Zuge dieser Entwicklung einen Ruf als absolute Spitzenregion verschafft und wird nicht selten als «das Burgund der Schweiz» gefeiert. «Typisch burgundisch» sind dort aber nicht alle Weine. Während in der Deutschschweiz stilistische Unterschiede dominieren – zwischen modernem Holzeinsatz und puristischer Auslegung – blieb in der Romandie, besonders in Neuchâtel, der ursprüngliche Stil weitgehend erhalten.

In jedem Fall aber können sich Pinot-Fans in der Schweiz glücklich schätzen, eine derart reichhaltige Auswahl ihrer Lieblingssorte vorzufinden. Und auch das Preisniveau der Côte d’Or ist hierzulande noch lange nicht erreicht.

Pinot Noir – eine charakterstarke Rebsorte

Wie jede andere Sorte hat Pinot Noir als charakterstarke Sorte Ecken und Kanten, Stärken und Schwächen – und dementsprechend gibt es Genussmenschen, die sie mögen und solche, die anderes bevorzugen.

Unser Rat: Lass die Kirche im Dorf. Wenn Du Pinot Noir magst, ist dies eine tolle Sache und Du kannst dich glücklich schätzen, in der Schweiz ein derart breites Angebot an in- und ausländischen Exemplaren vorzufinden. Wenn Du andere Weine bevorzugst, ist dies ebenfalls eine tolle Sache, denn man sollte wissen, was einem gefällt und Entsprechendes konsumieren. Diese individuelle Entscheidung treffen zu können, ist der eigentliche Kern von Weinkompetenz. Weine zu trinken, die man nicht mag, nur um andere zu beeindrucken, ist das genaue Gegenteil.

Häufige Fragen zu Pinot Noir

Was ist Pinot Noir auf Deutsch?

Pinot Noir hat mehrere deutschsprachige Synonyme. Am weitesten verbreitet ist in der Schweiz die Bezeichnung Blauburgunder. Heute kaum noch gebräuchlich, wurde die Sorte früher auch als Klevner bezeichnet. In Deutschland ist der Name Spätburgunder üblich. Der Name «Pinot» entstammt übrigens dem französischen Wort für Kiefer- oder Pinienzapfen, was an die Form der eng gepackten Traube erinnert.

Ist Pinot Noir trocken oder lieblich?

Grundsätzlich wird Pinot Noir praktisch immer trocken ausgebaut. Dennoch hält sich hartnäckig die Ansicht, dass aus der Sorte liebliche Weine bereitet werden. Dies lässt sich darauf zurückführen, dass fruchtig oft mit lieblich gleichgesetzt wird. Pinot Noir hat sehr ausgeprägte, rotfruchtige Aromen. Jedoch stehen weder die Aromen noch die Rebsorte selbst im Zusammenhang mit dem Süssegrad eines Weines. Ob ein Wein lieblich oder trocken ist, hängt davon ab, wie viel Zucker in den zugrunde liegenden Trauben enthalten ist und ob dieser Zucker vollständig oder nur zum Teil zu Alkohol vergoren wird.

Ist Pinot Noir ein guter Wein?

Dies muss man aus zwei Perspektiven betrachten: Pinot Noir ist eine sehr sensible Rebsorte, die nicht an jedem Ort gute Resultate liefern kann und die auch im Rebberg für relativ hohen Aufwand sorgt. Sie ist daher eher bedingt für die Erzeugung von Massenweinen geeignet, die nur durch kostengünstiges Arbeiten entstehen können. Zwangsläufig sind also viele Pinot-Noir-Weine von hoher Qualität. Gleichwohl bedeutet hohe Qualität nicht, dass ein Wein auch weitreichend als gut empfunden wird, denn dies ist von den individuellen Vorlieben jedes Genussmenschen abhängig.

Wann trinkt man Pinot Noir?

Durch seine Kombination aus schlankem Körper und hoher Intensität ist Pinot Noir für sehr viele Anlässe geeignet. Er muss nicht zwingend als Speisebegleiter getrunken werden, obschon er als solcher eine gute Figur macht. Auch für sich alleine sind typische Pinots sehr animierend, zumal sie in der Regel auch nur einen moderaten Tanningehalt haben. Interessant ist darüber hinaus immer wieder zu beobachten, wie sich der vermeintlich leichte Wein selbst zu später Stunde noch behaupten kann. Auch ein langer Abend mit Cabernet Sauvignon & Co lässt sich am Ende noch sehr gut von einem Pinot Noir abrunden, ohne dass dieser gegenüber seiner körperreicheren Vorgänger ins Hintertreffen gerät.

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