Wein und gutes Benehmen

Wein ist eine sehr komplexe Materie. Wer sich sicher in der Weinwelt bewegen möchte, kommt nicht umher, sich auch ein gewisses Fachwissen anzueignen. Darüber hinaus ist Weingenuss oftmals mehr als einfach nur Flasche öffnen und loslegen:

Wir können das Erlebnis vieler Weine steigern, beispielsweise durch eine lange Flaschenreifung, das Einhalten der richtigen Trinktemperatur, Karaffieren, oder auch durch die Auswahl der richtigen Speisen. All dies generiert für viele ein nicht geringes Mass an Respekt. Damit einhergehend haftet dem Umgang mit Wein oft eine gewisse Ehrfurcht an, sowie die Angst, etwas falsch zu machen. Aber müssen wir auch Benimmregeln einhalten, um einen Wein richtig geniessen zu können?

Wieso wird Wein mit gutem Benehmen assoziiert?

Wein war früher noch viel mehr gesellschaftliches Statussymbol als heute. Hochwertige Weine waren der Oberklasse vorbehalten und dienten Genuss und Repräsentation gleichermassen. Es gab strikte Regeln, welcher Wein zu welcher Gelegenheit kredenzt wurde und wie man mit dem edlen Getränk umzugehen hat. Diese Regeln nicht einzuhalten, galt als Fauxpas.

Das historische Rest-Echo dieser traditionellen Benimmregeln, gepaart mit der eingangs erwähnten, ehrfurchtgebietenden Komplexität des Themas, lassen das Weintrinken noch heute für viele Menschen als elitär erscheinen. Gerade bei Neulingen führt dies nicht selten zu einer verkrampften Herangehensweise und einer Schmälerung des Genusserlebnisses. Insbesondere dann, wenn sich der Sinn einer vermeintlich einzuhaltenden Benimmregel nicht erschliesst.

Dabei lässt sich heute ein deutlich entspannterer Umgang mit Wein zelebrieren. Reine Verhaltensregeln sind beim Weintrinken inzwischen passé. Jeder Mensch darf auf seine eigene Art geniessen – sollte dabei aber wie bei allem im Leben grundsätzlich Rücksicht auf seine Mitmenschen nehmen.

Allerdings haben viele Regeln im Umgang mit Wein auch zum Ziel, den Genuss zu steigern. Diese gilt es zu kennen und vor allem ihren Hintergrund zu verstehen. Denn hat man verstanden, wozu eine Regel da ist, wird man sie zum einen viel bewusster anwenden und zum anderen auch bei Bedarf kreativer umsetzen oder gar abwandeln können.

Wir zeigen Dir im Folgenden anhand einiger prominenter Beispiele auf, weshalb gewisse Regeln existieren und auch, wie sie in gewissen Situationen mitunter individuell ausgelegt werden können. Ein goldener Tipp gleich vorweg: «Würde der Wein profitieren oder Schaden nehmen?», ist der entscheidende Denkansatz, wenn man solche Regeln auf die Probe stellen möchte.

Flaschen entkorken

Grundsätzlich ist hier ein Zapfenzieher zu verwenden. Und beim Herausziehen darf der Korken auf keinen Fall ein hörbares «Plopp» erzeugen! Warum? Diese Regel stammt aus der Gastronomie und macht dort durchaus Sinn. Würde alle paar Minuten ein lautes «Plopp» durchs Restaurant hallen, kann dies von Gästen als störend empfunden werden. Auch ist diskretes Arbeiten eine Grundanforderung an das Gastropersonal. Würde der Wein nun aber Schaden nehmen, wenn er geräuschvoll geöffnet wird? Nein. Im privaten Rahmen ist dies eine Regel, die man getrost ausser Acht lassen kann – ein ploppender Korken kann schliesslich durchaus für gesteigerte Vorfreude sorgen. Und wenn man gerade keinen Zapfenzieher zur Hand hat? Würde es dem Wein schaden, wenn der Korken mit dem Stiel eines Kochlöffels in die Flasche gedrückt wird? In der Regel nicht, auch wenn die Methode nicht sehr ästhetisch ist und akute Spritzgefahr besteht. Schlimmer wäre es, die Flasche geschlossen zu halten.

Handling des Weinglases

Man fasst das Glas nicht am Kelch an und man schenkt es auch nicht zu voll ein.

Rein aus Benimm-Sicht würdest Du niemandem schaden, wenn Du diese Regeln nicht befolgst. Aber würde der Wein dadurch Schaden nehmen? Ja! Und zwar in beiden Fällen.

Die Wände des Glaskelches sind sehr dünn und Deine Handwärme würde sich schnell auf den Wein übertragen. Egal, ob Rot- oder Weisswein – die Temperatursteigerung tut beiden nicht gut. Der Stiel isoliert also den Wein vor unserer Körpertemperatur. Ausnahme: Wird Dir ein Wein deutlich zu kalt serviert, traue Dich ruhig, den Kelch mit den Händen zu umschliessen und so die Trinktemperatur anzuheben.

Was die eingeschenkte Menge angeht, so sollte der Wein im Glas geschwenkt werden können. Auf diese Weise durchsetzt Du ihn mit Sauerstoff und er wird seine Aromen intensiver freigeben, was einem gesteigerten Genusserlebnis zuträglich ist. Bei einem randvoll eingeschenkten Glas gestaltet sich dies schwierig.

Schlürfen und trinken

Wein darf geschlürft werden und man sollte ihn nur in kleinen Schlucken trinken.

Von beiden Regeln profitiert der Wein: Beim Schlürfen vergrösserst Du die Oberfläche des Weines am Gaumen und erhöhst gleichzeitig den Sauerstoffkontakt. Beides verstärkt die aromatische und strukturelle Wahrnehmung und damit den Genuss. Schlürfen ist also nicht ein elitäres Erkennungsritual unter Weinprofis, sondern Mittel zum Zweck. Dementsprechend steigert auch lautes Schlürfen nicht Deine positive Wahrnehmung bei anderen Menschen. Im Gegenteil: Ein hoher Geräuschpegel nervt im Zweifelsfall nur die Beistehenden.
Grosse Schlucke zu nehmen hat beim Weintrinken praktisch gar keine Vorteile. Im Gegenteil: Man behält sich einen Grossteil des Genusses vor, wenn man Wein herunterstürzt. Aufgrund seiner hohen Intensität und aromatischen Dichte, offenbaren schon kleine Mengen am Gaumen das volle Erlebnis. Grosse Schlucke steigern dies nicht. Man hat also tatsächlich mehr von einem Wein, wenn man kleine Schlucke zu sich nimmt.

Karaffieren

Teure Weine werden vor dem Trinken in eine Kristallkaraffe gefüllt.

Auch wenn prunkvolle Karaffen bei Tisch ein schönes Bild abgeben, so ist dies nicht der Hauptgrund für das Umfüllen eines Weines. Es geht hier in erster Linie darum, den Wein durch schwungvolles Umgiessen mit möglichst viel Luft in Kontakt zu bringen. Im Weiteren setzt sich die Sauerstoffaufnahme fort, da der Wein in der Karaffe eine grosse Oberfläche erhält. Insbesondere bei jungen Weinen mit weiterem Reifepotenzial hilft dies dabei, dem oft noch kantigen Wein mehr Trinkfreude zu entlocken: Mehr Aromen werden freigesetzt und gleichzeitig werden Tannine weicher. Die Karaffe sollte daher auch möglichst bauchig sein. Die Ästhetik bei Tisch ist dabei eher ein Nebeneffekt. Man muss sich also nicht scheuen, ein anderes Gefäss heranzuziehen, um einen jungen Wein zu karaffieren. Dem Wein ist es egal, wo er atmet – sei dies im Saftkrug, oder in einer grossen PET-Flasche: Der genusssteigernde Effekt bleibt gleich. Und wer keine PET-Flasche mit Wein gefüllt bei Tisch haben möchte, kann den Wein ja jederzeit wieder in seine Originalflasche zurückfüllen – er wird dabei sogar noch einmal kräftig Luft holen.

Wein und Speisen

«Ein Engländer trinkt nie roten Wein zum Fisch. Das hätte mir eine Warnung sein sollen», sagt Sean Connery in seiner Paraderolle als James Bond zu dem von Robert Shaw gespielten Schurken im Kultfilm «Liebesgrüsse aus Moskau» von 1963. Ein tolles, filmgewordenes Beispiel für Wein-Benimmregeln aus einer anderen Ära. In den 60er Jahren brachte man noch klar in den Augen des Gegenübers mangelnde Finesse zum Ausdruck, wenn man Rotwein mit Fisch, oder Weisswein mit gebratenem Rindfleisch kombinierte. Diese Form von starren, gesellschaftlich-konformen Regelungen beim Verbund von Wein und Speisen muss heute niemand mehr pauschal befolgen.

Dennoch ist es natürlich so, dass Weine auf unterschiedliche Speisen unterschiedlich reagieren und dass es durchaus sinnvoll ist, sich hier über eine gute Passung Gedanken zu machen. Hierfür sollte man sich damit auseinandersetzen, welche Komponenten im Essen welche Veränderungen im Wein herbeiführen. Dazu bietet die Académie du Vin auch entsprechende Kurse – Gabel & Glas – an.

 

Fazit: Leben und leben lassen

Abschliessend bleibt noch Folgendes festzuhalten: Weintrinken sollte niemals mit Zwängen verbunden sein. Auch sollten sich Weinfreunde weder in ihrer Art und Weise des Geniessens verbiegen, um es anderen recht zu machen, noch anderen vorschreiben, im Rahmen welcher Regeln sie sich mit Wein auseinanderzusetzen haben. So lange man eine gewisse Rücksicht auf seine Mitmenschen nimmt, sollte sich jeder ermutigt fühlen, die Weinwelt im eigenen Tempo und mit offenen Augen zu erforschen.

Wird man dabei mit Regeln konfrontiert, die auf den ersten Blick nicht einleuchtend erscheinen, so darf man diese ruhig kritisch hinterfragen und am Ende für sich entscheiden: «Profitiert der Wein, oder nicht?»

Häufig gestellte Frage

Welche Regeln gelten beim Weintrinken?

Eigentlich gibt es nur eine goldene Regel beim Weintrinken: Es soll Genuss und Freude bereiten. Zwar gibt es viele Möglichkeiten, wie sich das Genusserlebnis steigern lässt und aufgrund jahrtausendealter Erfahrung auch mehr als genug Informationen, auf die man sich stützen kann. Aber wer den Wein, der sich gerade im Glas befindet, in vollen Zügen geniesst, macht eigentlich schon alles richtig.

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